AIIC-Ausstellung in Germersheim

Am 8. Mai 2015 wurde die AIIC-Ausstellung „Ein Prozess – Vier Sprachen. Wer waren die Dolmetscher bei den Nürnberger Prozessen?“ von Elke Limberger-Katsumi am Fachbereich für Translations-, Sprach- und Kulturwissenschaft der Johannes Gutenberg-Universität Mainz in Germersheim im Rahmen der traditionellen Freitagskonferenz mit einem Einführungsvortrag eröffnet. Ein besseres Datum für diesen Anlass hätte man nicht finden können, jährte sich an diesem Tag doch zum siebzigsten Mal der „Tag der Befreiung“, wie Bundespräsident Richard von Weizsäcker den Tag der Kapitulation der Wehrmacht in seiner Rede 1985 treffend und prägend bezeichnete.

Wie zeitaufwändig und nervenaufreibend die Nürnberger Prozesse verlaufen wären, hätte man Colonel Léon Dostert, Dolmetscher im Dienste General Eisenhowers, nicht mit der Einführung des Simultandolmetschens beauftragt, stellte Prof. Dörte Andres, Leiterin des Arbeitsbereichs Dolmetschwissenschaft, ganz praktisch unter Beweis, als sie ihre Eröffnungsrede konsekutiv von Studierenden ins Englische, Französische und Russische – die Sprachen der Prozesse – dolmetschen ließ. Die rund 200 Teilnehmer der Freitagskonferenz waren sichtlich erleichtert, als die Verdolmetschung des Grußwortes des Präsidenten der Johannes Gutenberg-Universität Mainz, Herr Prof. Dr. Georg Krausch, dann simultan erfolgte.

 

Gespannt folgten die Zuhörer dem Vortrag, der per Livestream nicht nur in zwei weitere Vorlesungssäle, sondern auch an Partneruniversitäten im Ausland übertragen wurde. Wie wurden die Dolmetscher für die Nürnberger Prozesse damals ausgewählt? Welche Aufgaben wurden ihnen in den Eignungstests gestellt? Diese Frage ist auch heute noch aktuell wenn es darum geht, die Grundkompetenzen von Bewerbern für den MA Konferenzdolmetschen zu evaluieren und beschäftigt die Dozenten in Germersheim immer wieder neu. Aber auch die Schilderungen der Schicksale, die sich hinter den einzelnen Dolmetschern verbargen, über ausschweifende Partys nach erschlagenden Sitzungstagen, über die damalige Konferenztechnik und Arbeitsweise der Gerichtsdolmetscher weckten ganz neu das Interesse für die Ursprünge und Entwicklung des Berufs unter den Anwesenden. Vieles hat sich seitdem geändert, besonders im technischen Bereich. Manches ist jedoch damals wie heute gleich, so zum Beispiel die enormen Anforderungen an die kognitiven Fähigkeiten und Stressresistenz der Dolmetscher, der große psychologische und auch physische Druck, dem sie im Berufsalltag ausgesetzt sind. Umso unbegreiflicher, dass von den über 100 Dolmetschern, die den Opfern und den Tätern des Naziterrors ihre Stimmen im Namen der Gerechtigkeit liehen, überhaupt nur 64 Namen bekannt sind. Die Ausstellung bemüht sich das gesamte vorhandene Wissen über diese Lebensläufe darzustellen, denn ihre Leistungen wurden kaum in Geschichtsbüchern dokumentiert oder wissenschaftlich aufbereitet. Auch heute ist das öffentliche Bewusstsein für die enorme Leistung, die Dolmetscher Tag für Tag auf der internationalen Bühne erbringen, kaum vorhanden – ein Gedanke, der für die angehenden Germersheimer Dolmetscher nicht einfach zu assimilieren war.

“Experience has shown this work to be of a difficult and exacting nature, demanding special qualities on the part of the interpreters and particularly fatiguing owing to the degree of concentration involved, and it would seem desirable to place instantaneous interpreters in a special category receiving extra Conference pay, to encourage them to take it up”, hielt A. Gordon-Finlay (der ‘Erfinder’ der technischen Voraussetzungen für die simultane Verdolmetschung) 1927 in seinem Bericht an den Völkerbund fest. An dieser Tatsache hat sich auch 70 Jahre nach dem ersten erfolgreichen Großeinsatz des Simultandolmetschens nicht viel geändert. Und dennoch dolmetschen heute so viele Sprachmittler wie noch nie in der Geschichte im internationalen Geschehen; auch wieder in einem deutschen Gerichtssaal, dieses Mal in Lüneburg. Gedolmetscht wird hier in den Sprachen Englisch, Hebräisch und Ungarisch im Rahmen eines der wahrscheinlich letzten NS-Prozesse.

Betrachtet man die Entwicklung des Berufsprofils des Konferenzdolmetschers von seinen Ursprüngen bis in die Gegenwart, wird einmal mehr deutlich, wie wichtig eine enge Zusammenarbeit zwischen den Ausbildungsstätten und Berufsverbänden ist. Diese Tatsache spiegelt sich in dem glücklichen Zufall wider, dass in Germersheim der Monat Mai ganz von der Präsenz der AIIC geprägt war: Der Vortrag über die Nürnberger Prozesse vermittelte den Studierenden einen Einblick in die Entstehungsgeschichte des Berufs, den sie mit ihrem Studium anstreben; der Vortrag des AIICNachwuchsreferenten, Conrado Portugal, am 29. Mai vermittelte ihnen einen kleinen Vorgeschmack auf das Abenteuer Konferenzdolmetscher auf dem freien Markt zu sein. Für diejenigen, die sich von den Schilderungen über den doch etwas mühsamen Weg in das Berufsleben nicht abschrecken lassen, wird dies wahrscheinlich der Beginn einer wunderbaren Freundschaft sein. Die nächste Generation von Konferenzdolmetschern ist gesichert.

Dr. Judith Schreier
(Dolmetschdozentin am FB06 in Germersheim, AIIC-Präkandidatin)