Erlebnisbericht: AIIC mit Kind und Kegel

Dreifach gut – ein Wochenende in Nürnberg

Gabriele Nötzold, Frankfurt

So richtig klar war mir nicht, wie mein Wochenende 1./2. Juni in Nürnberg ablaufen würde. Christa Gzil – Regionalsekretärin AIIC Deutschland – hatte stark die Werbetrommel für die Veranstaltungsreihe „Ein Prozess – vier Sprachen“ gerührt. Was aber im Einzelnen zu erwarten war: „Memorium“ „Dokumentationszentrum“, Reichsparteitagsgelände, Gerichtssaal Nürnberger Prozesse, „Globalisierung braucht Verständigung“ …

Meine beiden jugendlichen Kinder und meinen Mann hatte ich im Vorfeld davon überzeugt, mit nach Nürnberg zu kommen. Zwei sommerliche Tage im „Fränkischen Seenland“ und ein Besuch bei Cousin und Cousine in Nürnberg als Köder. Das geschichtsträchtige Rahmenprogramm wäre dann auch für zwei ansonsten recht besichtigungsresistente Jugendliche erträglich gewesen. So weit, so gut.

Als der Termin näher rückte, zeichnete sich ab, dass es das gesamte Wochenende über wie aus Eimern schütten würde! Das Fränkisches Seenland, das inzwischen land unter war, fiel für uns buchstäblich ins Wasser. Bezüglich der familiären Akzeptanz der Unternehmung beschlich mich ein ungutes Gefühl. Statt Baden und Paddeln gingen wir am Samstag Bowling spielen. Am Abend beschlossen meine Kinder und mein Mann, das gesamte Sonntags-Rahmenprogramm mitzumachen. Meine Nichte mit ihrem Freund und meine Schwägerin interessierten sich für die AIIC-Veranstaltung am Nachmittag.

Wer für den Sonntag das Bild des Zeppelinfeldes mit den Massenaufmärschen der Nazis aus den Leni-Riefenstahl-Filmen bei strahlendem Sonnenschein im Hinterkopf hatte, musste umdenken. „ Je nach Wetterlage kann es sehr heiß werden ….“ hatte es in der AIIC-Ankündigung geheißen! Sei’s drum – wir machten uns im starken Dauerregen mit wasserdichten Schuhen auf den Weg zur Besichtung des Reichsparteitagsgeländes.

Vor Ort trafen wir auf weit angereiste AIIC-Kolleginnen und Mitarbeiterinnen des Europäischen Patentamtes. Nina Lutz, unsere Führerin vom Verein „Geschichte für alle“ zeigte sich äußerst flexibel und wandelte unsere Führung auf Grund der Witterung kurzerhand um zu einer Führung durch die unvollendete Kongresshalle der Nationalsozialisten. Vom 40 m hohen Dach des Gebäudes aus bekamen wir den Überblick über die gesamten 7km² des Reichsparteitagsgeländes. Während unseres Rundganges sahen wir Räume, die ein Normalbesucher des Dokumentationszentrums nie zu Gesicht bekommt. Im zweiten Stock der Halle fanden wir uns in einem riesig hohen Gang wieder. Wollte man ihn ganz beschreiten, müsste man einen Halbkreis von 435 Metern zurücklegen. Das Kolosseum in Rom wirkt dagegen bescheiden. Steingewordener Größenwahn, der einen erschauern lässt, der jedoch teilweise seinen Schrecken dadurch verliert, dass heute hier eine normale Nutzung erfolgt. Die architektonische Gestaltung des Dokumentationszentrums hat die Architektur der Nationalsozialisten durchbrochen, und nach Jahren der Sprachlosigkeit hat eine Auseinandersetzung mit dem Thema Reichsparteitage in Nürnberg begonnen.

Nach einer Mittagspause im Hier und Jetzt starteten wir zum zweiten Teil des historischen Rahmenprogramms. Sogar unsere Jugendlichen wollten unbedingt bleiben! Wir fuhren zu dem Gerichtsgebäude, in dem von 1945 – 1948 im Saal 600 die Nürnberger Prozesse gegen die Hauptkriegsverbrecher stattgefunden haben.

Seit dem 21. November 2010 – 65 Jahre nach Beginn der Nürnberger Prozesse – gibt es hier im obersten Stockwerk die Ausstellun „Memorium Nürnberger Prozesse“. Für uns AIIC-Kollegen mit Anhang – es gesellten sich jetzt auch noch die Eltern einer Kollegin hinzu – hatte Elke Limberger-Katsumi eine Führung mit Henrike Zentgraf, der Kuratorin der Ausstellung organisiert. Zum Abschluss eines Exkurses in die gegenwärtige Internationale Strafgerichtsbarkeit gelangten wir schließlich in Raum 600, in dem auch die eigentliche von der AIIC organisierte Veranstaltung stattfand.

Globalisierung braucht Verständigung – unter diesem Motto unternahm das Publikum im gut besuchten Gerichtssaal eine multimediale Zeitreise von der Geburtsstunde des Simultandolmetschens von 1945 bis in die Gegenwart.

Studierende des SDI München unter Leitung von Prof. Klaus Ziegler boten im Wechsel mit Original-Filmdokumenten aus dem Prozess gegen Rudolf Heß in nach Brechtscher Manier verfremdeten Theaterszenen eine bemerkenswerte Vorstellung. Der Zuschauer empfand die Tragweite des Geschehens, und gleichzeitig war es sicher auch für die Studierenden eine beeindruckende Erfahrung, sich in die Rolle der Beteiligten – auch der am Prozess beteiligten Dolmetscher – zu versetzen.

Es folgte ein Kurzvortrag von Evelyn Moggio zur Entwicklung des Simultandolmetschens seit den Nürnberger Prozessen bis heute – insbesondere bei den Vereinten Nationen. Auch hier wechselten wieder Vortragsteile und Filmausschnitte ab. So erhielten auch Nicht- bzw. Noch-Nichtdolmetscher interessante Einblicke in unseren Beruf.

Und auch im dritten Teil des Abends legten Dolmetscher als Schauspieler ungeahnte Fähigkeiten an den Tag: Ute Kirstein, Tony Rich, Adrienne Clark-Ott, Birgit Schulte, Daniela Eichmeyer und Nadine Tarnowietzki stellten eine mündliche Verhandlung in einem Einspruchsverfahren beim Europäischen Patentamt nach. Der interessierte Zuschauer erfuhr, dass Simultandolmetschen nicht nur im politischen Kontext erfolgt, sondern, dass es heute unter Umständen auch zu unserem Beruf dazugehört, sich in mehreren Sprachen über die Terminologie einer wiederverschließbaren Schokoladenverpackung und deren Patentierbarkeit schlau zu machen.

Um das Bild abzurunden, wurde die gesamte Veranstaltung von unseren beiden Kolleginnen Julia Böhm und Irmgard Lloyd-Schilcher Englisch < > Deutsch für das interessierte Publikum gedolmetscht. Und in der Pause konnten sich die Zuschauer sowohl die aktuelle Dolmetschtechnik mit Kabine von Brähler als auch historische Dolmetschtechnik aus den 50er Jahren anschauen. Auch hier war wieder anschaulich die Entwicklung von der Zeit nach dem zweiten Weltkrieg bis heute dargestellt.

Alles in Allem war die Veranstaltung mit Infotisch und Zeitungsartikel in den Nürnberger Nachrichten am folgenden Tag ei hervorragendes Stück Öffentlichkeitsarbeit für die AIIC und den Beruf des Konferenzdolmetschers.

Und für mich war es in dreierlei Hinsicht ein gelungener Ausflug: ich bin der jüngsten deutschen Geschichte so nahe gekommen wie selten, ich konnte meiner Familie Interessantes über unseren Beruf vermitteln und habe im Anschluss an die Veranstaltung noch einen sehr netten Abend mit Kollegen verbracht.

Dafür einen herzlichen Dank an Elke-Limberger-Katsumi, alle Mitwirkenden und das gesamte Organisationsteam.

P.S. Es folgen noch drei Sonntags-Termine in der Reihe „Ein Prozess – vier Sprachen“: 7.7.13 „Zwischen den Fronten – Dolmetscher in Krisengebieten“, 6.10.13 „Das Recht auf Verständigung – Gerichtsdolmetschen heute“ sowie 3.11.13 „Nürnberg war der Anfang – Herausforderungen des Dolmetschens in der Internationalen Strafgerichtsbarkeit“.