Wegweisende Leistung der Pioniere des Berufsstandes

irinasasseAuftaktveranstaltung von EIN PROZESS – VIER SPRACHEN in Nürnberg

Irina Sasse, Kandidatin AIIC

Am Sonntag, den 05.05.2013 startete in Nürnberg die AIIC Veranstaltungsreihe EIN PROZESS – VIER SPRACHEN mit einem sehr interessanten Abend zur Leistung der Dolmetscher bei den Nürnberger Prozessen – den ersten Simultandolmetschern überhaupt. Die Veranstaltungsreihe wird vom Memorium Nürnberger Prozesse und der International Association of Conference Interpreters (AIIC) in Kooperation mit dem Bundesverband der Dolmetscher und Übersetzer (BDÜ) und der European Legal Interpreters and Translators Association (EULITA) organisiert.

Die Nürnberger Prozesse legen nicht nur den Grundstein für die Internationale Strafgerichtsbarkeit, sondern sind auch die Wiege des Simultandolmetschens. Die Leistung der Dolmetscher, die diese Prozesse in vier Sprachen überhaupt erst ermöglichte, wurde bei der Veranstaltung in Nürnberg von vielen Seiten beleuchtet und dem Publikum anschaulich nahegebracht, nicht zuletzt durch die aufschlussreichen und mitreißenden Redebeiträge der Podiumsmitglieder, die u.a. von persönlichen Begegnungen mit den ersten Simultandolmetschern der Geschichte berichten konnten.

Die Besucher hatten die Möglichkeit, vorab an einer Führung im Memorium teilzunehmen und nahmen danach sehr gespannt im geschichtsträchtigen Gerichtssaal Platz. Durch eine geschickte Anordnung der Stühle konnten viele Besucher relativ nah am Podium sitzen, was eine familiäre Atmosphäre schaffte, die sicherlich auch zum anschließenden Ansturm mit Fragen beitrug.

Viele der Teilnehmenden nahmen sich gleich zu Beginn einen Kopfhörer, um live mitzuerleben, was Dolmetschen eigentlich bedeutet und lauschten aufmerksam in Englisch oder Deutsch den vielfältigen Aspekten, die zur Sprache kamen.

Zu Beginn wurden von der Kuratorin die damaligen Arbeitsbedingungen mitsamt der neu entwickelten und erstmalig eingesetzten technischen Ausstattung erläutert. Zur Sprache kam des Weiteren die emotionale Belastung für alle Mitwirkenden, sowie der organisatorische Aufbau der Verdolmetschung über die Anordnung der Kabinen mit einem abhörenden Dolmetscher, den Ruhe- und Vorbereitungsräumen, sowie die Karrieren, die daraus entstanden.

Die Halle vor dem Saal beherbergte die zugehörige Ausstellung, ein Muss für jeden Besucher. Dort wurden die Früchte der wochenlangen und intensiven Recherchearbeit der Arbeitsgruppen gezeigt, wie etwa die Lebensläufe der Dolmetscher – welcher Mensch steckt hinter der Stimme? Wo kamen diese her? Oder auch Schicksale – was geschah nach den Nürnberger Prozessen? Stiegen sie in ihren alten Beruf wieder ein? Oder blieben sie Dolmetscher? Arbeiteten sie weiterhin in Deutschland? Zeitzeugenberichte – hat sich ihre Persönlichkeit verändert? Gibt es Aussagen von ihnen zu ihrer Tätigkeit? In wie weit hat sie die Arbeit geprägt?

Komplementiert wurde die Ausstellung, die eventuell in Form einer Wanderausstellung durch Deutschland reisen wird, durch einen gut sortieren Büchertisch, der weiterführende Lektüre für alle Interessierte anbot.

Die Zeit verging wie im Flug, als die Podiumsteilnehmer das Dolmetschen allgemein erklärten und ihre persönliche Einstellung zum Dolmetschen und die Grundlagen erklärten, um sich danach ausgiebig den Fragen des Publikums zu widmen. Beispielsweise wurde der Unterschied zwischen Simultan- und Konsekutivdolmetschen erläutert, woraus sich ein angeregtes Gespräch zwischen dem Publikum und dem Podium entspann.

In der Pause hatten die Anwesenden Zeit, sich die Dolmetschkabinen anzusehen und den AIIC-Dolmetschern Fragen zu ihrer Arbeit zu stellen. Der Andrang war so groß, dass sich vor der Kabine eine Schlange bildete.

Nach 2 1/2 Stunden verließen die knapp 70 Anwesenden mit vielen neuen Erkenntnisse über u.a. die Persönlichkeiten und Schicksale derjenigen, die das Simultandolmetschen als Erste umgesetzt hatten, den historischen Saal, der zu damaliger Zeit fast 400 Leute pro Tag aufnehmen musste. Es war eine bewegende und informative Veranstaltung, die dem Thema gekonnt genährt hat. Es ist den Veranstaltern gelungen, die Teilnehmer auf die spannende Reise von der Vergangenheit und der Entstehung des Dolmetschers mit seinem damaligen Werkzeug (hush-a-phone) bis zum heutigen Tag mitzunehmen, mit einigen Vorurteilen zum Dolmetschen aufzuräumen und Wissen zu vermitteln. In diesem Sinne freuen wir uns auf die kommenden Veranstaltungen dieser Reihe und danken allen Mitwirkenden.