
Vom 30. September bis 5. Oktober 2019 findet die Ausstellung „Vier Sprachen – Ein Prozess“ in Genf statt – die bisher größte Ausstellung in 5 Sprachen, zum ersten Mal auch mit Russisch!
Zwischen Erinnerung und Vergessen liegt die Sprache; sie dringt dorthin vor, wo das Schweigen endet.
Ein weiteres besonderes Ereignis ist die Gesprächsrunde am 1. Oktober, wenn Angehörige von Dolmetscher*innen aus den Nürnberger Prozessen zu Wort kommen und darüber berichten, wie die Dolmetscher*innen mit der großen emotionalen Belastung umgegangen sind und wie sich diese Erfahrung auf ihr weiteres Leben ausgewirkt hat.
Im November 1945 begann der erste Nürnberger Prozess. Schaut man sich die historischen Schwarz-Weiß-Bilder der Ankläger, Anwälte und der Angeklagten an, fällt auf, dass viele von ihnen Kopfhörer tragen. Denn im Gerichtsaal wurde Englisch, Französisch, Russisch und Deutsch gesprochen und eine Verständigung war nur über die im Kopfhörer zu hörende Verdolmetschung möglich. Eine Reihe von jungen sprachkundigen Frauen und Männern im Alter von Anfang bis Mitte zwanzig waren für die Verdolmetschung des Geschehens rekrutiert worden. Dazu wurde eine für die damaligen Verhältnisse sehr moderne IBM-Dolmetsch-Anlage eingesetzt. Über die Kopfhörer konnten Richter, Ankläger, Verteidiger, Angeklagte und Zeugen der Gerichtsverhandlung in der jeweils für sie relevanten Sprache folgen bzw. ihre Redebeiträge in ihrer Muttersprache abgeben.
Die Geburtsstunde des modernen Konferenzdolmetschens
Die Dolmetscher*innen arbeiteten in Nürnberg „simultan.“ Simultan bedeutet, dass die Dolmetscher*innen die Verhöre und Aussagen mit äußerst geringer zeitlicher Verzögerung direkt in ihr Mikrofon dolmetschten. Bei diesem historischen Ereignis in Nürnberg waren sie, dazu noch vor den Augen der Weltöffentlichkeit, für die reibungslose Verständigung zwischen allen Parteien verantwortlich. Gleichzeitig verhalfen sie mit ihrer Pionierleistung aber auch dem Beruf des Konferenzdolmetschens zum Durchbruch. Die schon in Nürnberg umgesetzten wichtigen Aspekte des Konferenzdolmetschens waren: das Arbeiten im Team, die Nutzung tontechnischer Anlagen, die simultane Verdolmetschung, die den Zuhörern/Beteiligten die Möglichkeit der Sprachwahl bot.
Wer waren die Dolmetscherinnen und Dolmetscher?
Der mit der Organisation der Dolmetscher*innen betraute Léon Dostert, der während des Krieges unter anderem General Eisenhowers persönlicher Dolmetscher gewesen war, fand die Kandidaten für die anspruchsvolle und sehr belastende Aufgabe in ganz Europa und in den USA. Diese zumeist sehr jungen Personen waren mehrheitlich Exilanten und Überlebende der Shoah. Zu den Dolmetschern zählten aber auch weißrussische Aristokraten, die vor der russischen Revolution ins Exil geflohen waren. Auf der sowjetischen Seite fanden sich linientreue Diplomaten genauso wie Opfer des Stalinismus. Die Lebensläufe der Dolmetscher*innen zeichnen so auch ein Portrait des Europäischen Kontinents in diesem Zeitalter der Extreme.
Ursprung des Berufsstandes
Die Dolmetscherinnen und Dolmetscher der Nürnberger Prozesse zählten im weiteren Verlauf ihres Berufslebens zur ersten Generation professioneller Simultandolmetscher*innen. Sie legten mit ihrer Arbeit den Grundstein für den Berufsstand der Konferenzdolmetscher*innen und trugen, unter anderem wenige Jahre später in Paris (1953) zur Gründung der AIIC, dem Internationalen Verband der Konferenzdolmetscher, bei. Einige der Dolmetscher*innen aus der Zeit der Nürnberger Prozesse gingen beispielsweise nach New York und begleiteten die Einführung des Simultandolmetschens bei den Vereinten Nationen
Die Ausstellung
Im Mittelpunkt der Präsentation stehen die Biographien der Dolmetscherinnen und Dolmetscher, die – sofern sieben Jahrzehnte später noch rekonstruierbar – mithilfe von Text- und Bildmaterialien vorgestellt werden. Daneben wird mit Original- Exponaten die Technikgeschichte des Simultandolmetschens beleuchtet, darunter ein sogenanntes Kerzenhaltertelefon mit einem „Hush-a-phone“ sowie Exponate aus den 1960er und 1970er Jahren.
Vorherige Stationen
Die Ausstellung „Vier Sprachen – Ein Prozess“ wurde erstmalig 2013 in Nürnberg gezeigt. Seitdem wurden die Präsentation und die Inhalte ständig überarbeitet und erweitert. Nun kommt die Ausstellung auch nach Genf, nachdem sie bereits im Goethe-Institut in Athen, in Berlin, Bologna, Den Haag, Frankfurt, Hamburg, London, Ljubljana, am Europäischen Gerichtshof in Luxemburg, in Mailand, Mainz, im Gebäude der Vereinten Nationen in New York, am UNESCO-Sitz in Paris, in Potsdam, San Francisco und im arte-Gebäude in Straßburg, an der Universität Maribor und im ISIT (Institute of Intercultural Management and Communication) in Paris zu sehen war.
Träger der Ausstellung ist – mit Unterstützung der AIIC-Region Deutschland – der Verein Konferenzdolmetschen – Vergangenheit, Gegenwart, Zukunft e.V. (Nürnberg).
September 2019
AIIC-PR, Helle Fordyce und Renate Kretz
- Premiere – Erste internationale Hybridveranstaltung für Dolmetscher*innen - 21. Juli 2020
- Webinar mit Sprachendiensten der Institutionen - 05. Juni 2020
- PR-Interview mit Adrienne Clark-Ott zum Ferndolmetschen (RSI) - 03. Mai 2020